Wie gehen wir damit um?

Anna Uritskaya · 

„Ich danke Ihnen für das Treffen. Ich bin wegen des Krieges von Kyjiw nach Frankfurt gekommen. Es war eine sehr schwierige Evakuierung. Als ich Ihnen bei dem Treffen zuhörte, erhielt ich Antworten auf viele lebenswichtige Fragen. Viele meiner Gefühle und Gedanken haben sich geordnet, wurden klarer, ...... Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.“ - Dies ist die Reaktion einer Teilnehmerin nach der Diskussionsveranstaltung am 16. Mai in Frankfurt "Die Auswirkungen der Weltkonflikte auf Juden in Deutschland. Wie gehen wir damit um?“.

Ein russischsprachiger oder ukrainischer Jude zu sein, ist in der heutigen Welt nicht nur eine Identität, sondern eine Mission. In vielen jüdischen Gemeinden in Deutschland ist Russisch eine der Hauptsprachen. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine helfen ganze Gemeinden und einzelne Mitglieder in Deutschland ukrainischen Geflüchteten. Einige übersetzen in den Ausländerämtern, andere sammeln Spenden, wieder andere fahren an die Grenze und holen Frauen und Kinder ab. Nach den Ereignissen vom 7. Oktober 2023 haben Juden und Jüdinnen auf der ganzen Welt, unabhängig davon, welche Sprache sie sprechen oder in welcher Gesellschaft sie leben, ein schwindendes Sicherheitsgefühl verspürt - in den Schulen, an den Universitäten, auf den zentralen Straßen der Städte. Auch in Deutschland hat der Antisemitismus deutlich zugenommen. Für viele Menschen sind die Nachrichten bedrückend und beunruhigend, weil beide Konflikte die russischsprachigen und ukrainischen Juden und Jüdinnen auf die eine oder andere Weise betreffen.

Der Mitarbeiter des BVRE und Journalist Yuriy Krotov erzählte, wie er einige Freunde verlor, weil sie ihn nicht mehr verstanden. Eine Bekannte sagte ihm: „Du bist immer traurig. Das ist eine Last, es ist unangenehm, in deiner Nähe zu sein.“ Aber wie bekommt man die Traurigkeit aus dem Gesicht, wenn einige Familienmitglieder gegen Hamas-Terroristen kämpfen und Freunde aus der Kindheit sich in der Ukraine gegen die russische Aggression wehren? Das hat man immer im Hinterkopf - es ist unmöglich zu "vergessen". Aber Yuriy ist sich bewusst, dass es triggern kann, und lässt die Menschen los: „Aber wenn jemand mit Ihnen durch diese Zeiten geht, sollten Sie ihn schätzen - das ist definitiv Ihr treuer Freund".

Rabbiner Schimon Grossberg muss ständig am friedlichen Zusammenleben in den jüdischen Gemeinden arbeiten: „Wie reagiere ich, wenn ein 90-jähriges Gemeindemitglied in einer gemeinsamen Zoom-Konferenz die Hymne der Sowjetunion zu singen beginnt?“ Zwei Kriege sind eine Schere zwischen Verantwortungen und Gefühlen. Eine wichtige Aufgabe der Rabbiner ist es aktuell, den Frieden in den Gemeinden zu wahren und das freundschaftliche Verhältnis zur übrigen Gesellschaft zu pflegen.

Sowohl Yuriy Krotov als auch Schimon Grossberg sehen eine Verbindung zwischen den beiden Kriegen: „Dies ist ein globaler Konflikt zwischen Barbaren und Zivilisation - ein Konflikt zwischen Demokratien und Freiheiten und Diktatoren und Fundamentalisten. Wir müssen die Demokratie verteidigen.“

Die Veranstaltung wurde vom BVRE e.V. im Rahmen des Projekts „Dialoge gegen Rassismus für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts (ImPlural)“ organisiert, das von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und der Beauftragten gegen Rassismus gefördert wird.